Human Interface Guidelines als absolute Ästhetik. Zur Wiederaneignung avantgardistischer Strategien in Googles Material Design

Googles Material Design Mockup 2014
Googles Material Design Mockup 2014
El Lissitzky Proun N 1925
El Lissitzky Proun N 1925

Florian Hadler

Vortrag auf  der JAHRESTAGUNG DER GESELLSCHAFT FÜR MEDIENWISSENSCHAFT 2016

Freie Universität Berlin / 28.09. – 01.10.

Die drei größten Betriebssystem-Plattformen – Microsoft, Apple und Google – bemühen sich mit der steigenden Bedeutung von third-party Entwicklungen vermehrt darum, ihre jeweiligen Human Interface Guidelines nicht nur einfach zugänglich zu machen, sondern auch als attraktiv und innovativ darzustellen. Durch die empfohlenen Guidelines steigt nämlich die Kohärenz und das Branding in der Nutzererfahrung zwischen den verschiedenen Anwendungen innerhalb einer Plattform. Die Zielgruppe dieser Guidelines für Drittanbieter – Entwickler und Designer – werden dabei mit Pathos und Manifestcharakter angesprochen.

Besonders deutlich tritt diese aufgeschäumte Rhetorik in den Material Design Guidelines von Google hervor. Hier ist der Anspruch einer absoluten Ästhetik zu erkennen, die sich nicht zufällig der Formsprache und der Techniken künstlerischer Avantgarden der Moderne bedient (Konstruktivismus, Suprematismus, Collage, negativer Raum u.ä.). Die Montage der Werke von El Lissitzky, Kazimir Malevich und Theodor van Doesburg mit den Illustrationen der Guidelines stellt diese ästhetische Verwandtschaft deutlich hervor. Aber die Wiederaneignungen avantgardistischer Strategien beschränken sich dabei nicht auf die reine Ästhetik, sondern spiegeln sich auch in dem Anspruch und Pathos, der bei Google allerdings nicht mehr Revolution, sondern Innovation beschwört.

Wir möchten in unserem Beitrag die Transformationen, unterschiedlichen Strategien und persuasiven Rhetoriken der sogenannten kalifornischen Ideologie / Utopie sichtbar machen, die in den Interface Guidelines stecken und die zentral an der Verbreitung und Institutionalisierung von Ästhetik und Konvention von Interaktionen beteiligt sind.