Minimalismus als Strategie zu einem aufgeklärten Computerdesign

Lukas F. Hartmann

Im Licht der globalen Spionageaufrüstung und der scheinbar ubiquitären
Durchdringung von Alltagstechnologie mit Sensorik, die durch
gewaltausübene Organe missbraucht werden kann, sollte es heute
wichtiger als je zuvor sein, vom Nutzer komplett nachvollzieh- und
auditierbare Informations- und Kommunikationssysteme zur persönlichen
Verfügung zu haben. Diese gibt es jedoch nur in Teilen, die noch
niemand zusammengesetzt hat: “offene”, also komplett dokumentierte
Prozessoren, Eingabe-, Ausgabegeräte und Betriebssystemsoftware.

Eine freie Dokumentation und legal modifizierbare Komponenten reichen
jedoch nicht aus, um dem Kriterium der einfachen Nachvollziehbarkeit
gerecht zu werden. Jüngste Sicherheitslücken wie der Heartbleed-Fehler
in der offenen Verschlüsselungskomponente OpenSSL haben deutlich
gemacht, dass eine Bedrohung von zu komplexen und unübersichtlichen
Systemen ausgeht, unabhängig von ihrer oberflächlichen Einsehbarkeit
oder Opazität.

Einen möglichen Ausweg stellt ein radikaler Minimalismus bei der
Konstruktion eines Informations- und Kommunikationssystems dar.
Praktische Beispiele dafür sind die LISP-Maschinen der 80er Jahre oder
die Betriebssysteme Contiki, Plan 9 und Xv6. Diese Systeme wurden im
Gegensatz zu den heute verbreiteten (iOS, Android, Windows) von ihren
Autoren mit einem deutlichen Fokus auf die Beschränktheit ihrer
Fundamente gestaltet. Im LISP-System muss es z.B. durch die Wahl
einiger weniger, extrem flexibler Grundbausteine (S-Expressions)
keinen Unterschied zwischen Betriebssystem, Programmiersprache und
User Interface geben. Das Design von Plan 9 enthält eine ähnliche
Komplexitätsreduktion durch das Prinzip “everything is a file system”
und macht dateisystembasierte Datenströme zum Grundbaustein seines
User Interfaces.

Der Vortrag unternimmt den Versuch zu erklären, welche
minimalistischen Gestaltungsstrategien sich für Computersysteme
eignen, deren innere Ordnung von ihren Nutzern vollständig
nachvollziehbar sein soll.

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Lukas F. Hartmann (@mntmn) is the technical co-founder of
Spacedeck.com and works at the intersection of technology,
communication and art. He programs computers since early childhood.
During his studies at University of the Arts in Berlin, he co-created
aka-aki, one of the earliest mobile social networks that had a global
impact. Recently, he has spoken at events like the Digital Bauhaus
Summit in Weimar and co-hosts the regular web tv show “Source Code
Reading” that is recorded at Wikimedia Deutschland.